"Da ist eine Gefahr. Jetzt hilft mir nur noch kämpfen!"
Nun ist Fight aktiviert... Unsere "Lösung" ist jetzt der Versuch, Sicherheit durch Angriff, Kontroll- und Machtausübung herzustellen.
An welchen häufigen Verhaltensweisen erkennen wir dies?
- Wutausbruch
- Schuldzuweisung
- aggresives Verhalten bis hin zur körperlichen Gewalt
- anderen widersprechen
- andere einschüchtern
- andere abwerten / herabwürdigen
- andere kritisieren
- lange Monologe
- andere korrigieren
- stellen übermäßiger Forderungen
- demonstrieren von Stärke
- Sarkasmus & Zynismus
Beispiel Fight: Thomas steht unter einem enormen beruflichen Druck. Wenn er nach Hause kommt, reagiert er oft gereizt und zeigt sich seiner Familien gegenüber oft aggressiv. Seine Reaktionen wirken übertrieben und unangebracht. Sobald seine Kinder etwas lauter spielen, wird er wütend. Seiner Frau macht er andauernd Vorwürfe wegen Kleinigkeiten. Kleine Missgeschicke wie z.B. ein verschüttetes Glas können ganz schnell Wutausbrüche bei ihm auslösen."
"Da ist eine Gefahr. Ich muss hier ganz schnell weg!"
Und somit ist Flight gestartet... Unsere "Lösung" zeigt sich nun darin, dass wir versuchen, Sicherheit durch Perfektion und Leistung herzustellen.
Woran erkennen wir diese Reaktion?
- Situation vermeiden
- Konflikt vermeiden
- Ablenkung
- Unruhe und Überempfindlichkeit
- soziale Isolation
- Zwänge und Sucht
- Prokastination (=Aufschieberitis)
- Perfektionismus
- flüchten in permanentes Denken und Gedankenspiralen ~ Gedankenkreisen
- Geschäftigkeit & Aktionismus
- Sorgen, Zweifel
- Adrenalin-Junkie
- Hyperaktivität
- Wunsch nach Kontrolle durch Perfektion
Beispiel Flight: Selinas Abschlussprüfung rückt immer näher. Mit jedem Tag steigt ihre Unruhe und sie vermeidet alles, was sie daran erinnert. Ihre Bücher und Notizen liegen unangetastet auf dem Schreibtisch. Sie sagt sich jeden Tag erneut "Morgen fange ich mit dem Lernen an!". Die Tage vergehen und sie verbringt die Zeit mit stundenlangem Scrollen durch Social Media oder mit dem Serien schauen auf Netflix. Je näher die Deadline rückt, desto mehr zieht sie sich zurück. Sie ignoriert die Nachrichten ihrer Mitstudenten und sogar E-Mails ihrer Dozenten. Und nun? Ganz zum Schluss sieht sie keinen anderen Ausweg mehr und meldet sich krank, um der überwältigenden Angst vor der Prüfung zu entgehen.
"Kämpfen und fliehen ist einfach nicht möglich. Da bleibt nur noch erstarren!"
Und nun tauchen wir in Freeze hinein... Unsere "Lösung" ist jetzt der Versuch, Sicherheit durch Vermeidung bzw. Nicht-Spüren herzustellen, quasi sich tot zu stellen.
Während unser Körper in einer als bedrohlich wahrgenommenen Situation jede Menge Energie zur Verfügung stellt und das System innerhalb kürzester Zeit optimal darauf vorbereitet, die Gefahr entweder abzuwehren oder davor zu fliehen, ist jetzt beides nicht (mehr) möglich, weil z. B. der "Löwe unser Bein schon im Maul" hat. Jetzt geht der der Körper in Erstarrung und stellt sich tot in der Hoffnung, dass der Angreifer das Interesse verliert und/oder wir die Schmerzen zumindest nicht spüren müssen.
Wie zeigt sich das nun?
- Bewegungslosigkeit
- innere Leere
- Entscheidungsunfähigkeit
- keine klaren Gedanken möglich
- Dissoziation
- Tagträumen
- soziale Isolation
- Rückzug in die eigene Fantasiewelt
- Misstrauen
- nichts fühlen oder spüren
- Serien- oder Film-Marathon
- Extrem-Couching (= stundenlanges auf dem Sofa abhängen)
- Schlaf
- Depression
- Starre
- Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen und somit nicht ins Handeln zu kommen
Beispiel Freeze: Jeden Morgen startet Annalena mit dem Gefühl, schon direkt nach dem Aufstehen am Limit zu sein. Sie sitzt früh oft regungslos am Küchentisch und starrt auf ihre Kaffeetasse. Unfähig, mit dem Tag zu beginnen und aktiv zu werden. Wenn die Kinder sie etwas fragen, reagiert sie oft gar nicht oder antwortet mechanisch, ohne wirklich zuzuhören. Sobald sie versucht, mit ihren Aufgaben zu starten, spürt sie ihre Überforderung und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie driftet in Tagträume ab oder verliert sich in unwichtigen Kleinigkeiten, z. B. dem Sortiern ihrer Kleider.
"Mit Kämpfen, Fliehen und Erstarren komme ich nicht weiter. Ich muss den anderen bei guter Laune halten, damit nichts passiert!"
Erlebt man nun wiederholt, dass die anderen drei Reaktionen nicht erfolgreich sind, man sich dadurch also nicht in Sicherheit bringen kann, sondern im Gegenteil die Gefahr vielleicht noch verstärkt wird, versucht man unbewusst die Person, von der die Bedrohung ausgeht, für sich zu gewinnen - und schon befinden wir uns im Fawn-Modus... Die "Lösung" beteht darin, Sicherheit durch Gefalle und Unterwerfung herzustellen.
Die eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse fallen dem Überleben zum Opfer. Man unterwirft sich, dient dem anderen und sorgt für dessen gute Laune. So soll (unbewusst) der eigene Wert für den anderen gesteigert werden. Dieses Muster wird oft schon in der Kindheit erlernt und ist dann auch im Erwachsenenalter noch häufig zu beobachten.
Typische Verhaltensweisen?
- hohe Anpassung an das Gegenüber
- einschmeicheln
- dienen
- für gute Laune der anderen sorgen
- den Entertainer spielen
- "Ja" sagen
- vorauseilender Gehorsam
- Konflikte um jeden Preis vermeiden
- nicht "zu viel" sein wollen
- eigene Wünsche und Bedürfnisse negieren
- "people pleasing" trifft es sehr gut
Beispiel Fawn: Luisas Partner kommt sichtlich gereizt nach Hause. Sofort zieht sich ihr Magen zusammen - sie hat Angst vor Ablehnung. Um einen Konflikt zu verhindern, schmeichelt sie sich bei ihm ein: "Du Ärmster, du hast recht, deine Kollegen sind unmöglich." Und sie bittet ihn, sich auszuruhen, kocht ihm sein Lieblingsessen und räumt alles alleine auf. Als er meckert, das Essen sei zu salzig, entschuldigt sie sich unter Tränen sofort für ihre "Dummheit". Nur um seine Laune zu retten, unterdrückt sie ihre eigenen Gefühle komplett, um sich wieder sich zu fühlen."
WICHTIG:
All diese Reaktionen sind im Kern darauf ausgerichtet, die Sicherheit wieder herzustellen und das eigene Überleben zu sichern. Keine dieser Reaktion ist also negativ, sondern an und für sich sogar ziemlich schlau!
Vielleicht erkennst du dich an der einen oder anderen Stelle wieder und ja, es mag sein, dass dies nicht nur angenehme Gefühle auslöst. Wenn dem so sein sollte, dann schau doch bitte zunächt einmal, ob du jetzt anerkennen kannst, dass du mit dieser Reaktion einfach versucht hast, ein Gefühl der Sicherheit zurückzugewinnen und es somit die Lösung war, die du zu diesem Zeitpunkt nutzen konntest. Begegne dir mit Liebe und Mitgefühl und gib dir keine Schuld und verurteile dich nicht dafür.
Betrachten wir uns diese Verhaltensweisen einmal anders, denn sie haben auch sehr gesunde und förderliche Tendenzen: Die Stressreaktion Kampf zeigt eben auch Durchsetzungskraft. Eine Tendenz zur Flucht bedeutet, dass du eben nicht immer auf Konfrontationskurs unterwegs bist, sondern ganz flexibel reagieren kannst und dir somit neue Wege und Möglichkeiten auswählen kannst. Eben raus aus der Situation und später in Ruhe reagieren. Die Verhaltensweise Erstarren trägt eben auch die Fähigkeit in sich, dass man eine unangenehme Situation auch aushalten kann.
Und wenn wir uns das Einschmeicheln betrachten, dazu gehört eine hohe Empathiefähigkeit und die Gabe, sich in die Perspektive des Gegenübers hineinversetzen und auf ihn zugehen zu können. Dazu gehört auch, die eigenen Fehler nicht außer Acht zu lassen und mit dem Einfühlungsvermögen zur Beilegung des Konfliktes beizutragen. Es kommt eben auf die Sichtweise an.
Das Ganze wird erst dann zu einem Problem, wenn wir automatisch in Verhaltensweien fallen, die der Situation vielleicht gar nicht mehr angemessen sind bzw. wir eine der Reaktionen so übertreiben, dass entweder wir selbst oder unser Gegenüber Schaden davon tragen.
Wie überall spielt eben auch hier das Maß eine große Rolle. Durchaus sinnvoll ist es, sich diese häufig unbewusst ablaufenden Muster und auch deren Auslöser mal vor Augen zu führen, um künftig immer schneller mitzubekommen, wenn man mal wieder in einer solchen Reaktion steckt. Machst du dir dies bewusst, kannst du dann eben überprüfen, ob dies gerade eine angemessene und zielführende Verhaltensweie ist oder ob du vielleicht in diesem Moment über das Ziel hinaus schießt und vielleicht mal ein anderes Verhalten ausprobieren möchtest. Änderung ist immer möglich und ändern kannst du nur eine Person - dich selbst.
Stell dir mal vor, wie du so Handlungsfreiheit und einen kreativen Einfluss auf dich und dein Leben gewinnen kannst.
Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, was die Folgen einer dauerhaften Aktivierung sein können. Und welche Techniken es gibt, Veränderung anzugehen.
Fühlt euch lieb gedrückt.
... Fortsetzung folgt...
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